Karl Höcker

(11. Dezember 1911, Engershausen – 30. Januar 2000, Lübbecke)
Der Niedersachse Höcker, das jüngste von sechs Kindern eines Maurermeisters, verlor seinen Vater im Ersten Weltkrieg. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen am Rande des Wiehengebirges– die Mutter betrieb eine kleine Landwirtschaft in Engershausen – besuchte Höcker im nahen Preußisch-Oldendorf die Volksschule, machte eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis Herbst 1930 in einem Eisenwarengeschäft als Buchhalter. Nach einer zweieinhalbjährigen Arbeitslosigkeit leistete er bis April 1933 freiwillig Notstandsarbeiten, fand eine Anstellung als Kassengehilfe bei der Amtskasse in Preußisch-Oldendorf und verbesserte sich sodann durch einen Wechsel zur Kreissparkasse im nahe gelegenen Lübbecke. Der Regimewechsel brachte Höcker nicht nur Stellung und Brot, der junge kaufmännische Angestellte war nunmehr auch politisch aktiv. Im Oktober 1933 trat er der Allgemeinen SS bei und wurde 1937, im Jahr seiner Heirat, als Anwärter in die NSDAP aufgenommen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Höcker in SS-Kampfeinheiten eingesetzt, Mitte 1940 ins KZKZ
→ Konzentrationslager
Neuengamme abkommandiert und war u. a. in der Kommandantur des Konzentrationslagers bis zum Frühjahr 1942 tätig. Nach einer militärischen Ausbildung und der Absolvierung der SS-Junkerschule in Braunschweig versetzte das SS-Wirtschafts-VerwaltungshauptamtSS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt
Das 1942 aus mehreren Verwaltungseinrichtungen der SS gebildete Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) war unter anderem für die Konzentrationslager zuständig.
in Oranienburg den mittlerweile zum SS-Untersturmführer beförderten Höcker in das KLKL
→ Konzentrationslager
Lublin (Majdanek). Die Tätigkeit des Adjutanten des Kommandanten übte er bis zu seiner Versetzung im Mai 1944 nach Auschwitz aus. In Auschwitz wurde Höcker Adjutant des Kommandanten Richard Baer, stieg zum SS-Obersturmführer auf und setzte sich zusammen mit der Lager-SS vor der anrückenden Roten Armee Mitte Januar 1945 nach Westen ab. Wie Baer verschlug es Höcker ins KZKZ
→ Konzentrationslager
Mittelbau-Dora/Nordhausen, wie in Auschwitz war er in dem im Harz gelegenen KonzentrationslagerKonzentrationslager
Die → SS richtete unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung (Ende Januar 1933) Konzentrationslager für Menschen ein, die das Regime als politische Gegner betrachtete und deshalb verfolgte.
Die Hauptkonzentrationslager waren: Dachau (1933–1945), Sachsenhausen (1936–1945), Buchenwald (1937–1945), Flossenbürg (1938–1945), Mauthausen (1938–1945), Neuengamme (1940–1945), Ravensbrück (1939–1945).
In den besetzten Gebieten: Stutthof (bei Danzig) (1939–1945), Auschwitz (1940–1945), Groß-Rosen (bei Breslau) (1940–1945), Natzweiler-Struthof (Elsass) (1940–1945), Plaszow (bei Krakau) (1941–1945), Majdanek (bei Lublin (1941–1944).

Baers Adjutant. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Höcker bei einer SS-Kampfgruppe im Raum Hamburg, wo er in britische Gefangenschaft geriet.
Bereits Ende Januar 1946 wurde Höcker aus der Gefangenschaft entlassen. Seine SS-Zugehörigkeit und seinen Dienst in den Vernichtungslagern Majdanek und Auschwitz hatte er gegenüber den britischen Stellen erfolgreich verbergen können. Als Unteroffizier der Wehrmacht gab er sich gegenüber alliierten Stellen aus.
Im Jahre 1952 erstattete Höcker Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld, um ein Spruchgerichtsverfahren gegen sich durchführen zu lassen. Durch Strafbescheid vom 19.1.1953 erhielt er wegen Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation (SS) eine Gefängnisstrafe von neun Monaten, die er auf Grund des Straffreiheitsgesetzes von 1954 aber nicht zu verbüßen hatte. Höcker knüpfte erfolgreich an sein Leben vor dem Krieg an. Bis zu seiner Entlassung Mitte 1963 im Zusammenhang mit dem Auschwitz-Verfahren war er als Hauptkassierer bei der Kreissparkasse in Lübbecke tätig.
Erst Ende März 1965, wenige Monate vor Prozessende, wurde Höcker erst in Untersuchungshaft genommen. Zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, entließ ihn die Justiz 1970 bedingt aus der Strafhaft. Noch 30 Jahre lang genoss der einstige Adjutant von Majdanek und Auschwitz seinen Lebensabend in seiner Heimatregion.