Victor Capesius

(2. Juli 1907, Reußmarkt/Siebenbürgen – 20. März 1985, Göppingen)
Der Sohn eines Arztes und Apothekers ging im siebenbürgischen Reußmarkt (Österreich-Ungarn) in die Volksschule und in Hermannstadt (Sibiu) aufs Gymnasium. Als er im Jahr 1924 das Abitur machte, gehörte seine Heimat (seit 1920) zu Rumänien. Im nahen Klausenburg/Cluj begann Capesius ein Pharmazie-Studium, setzte es in Wien fort und schloss 1933 mit der Promotion ab. Der Doktor der Pharmazie fand eine Anstellung bei einer Tochtergesellschaft der IG Farbenindustrie AG, heiratete 1934, und suchte in Siebenbürgen Ärzte und Apotheker auf, um die Produkte seiner Firma zu verkaufen. Der Pharmavertreter lernte dabei Menschen kennen, denen er im Sommer 1944 auf der RampeRampe
Der Ort entlang von Bahngleisen, an dem die nach Auschwitz verschleppten Juden selektiert wurden, wird „Rampe“ genannt. In Auschwitz gab es für die Transporte des → Reichssicherheitshauptamts (RSHA) mit Juden aus ganz Europa zwei Selektionsrampen: die → „Alte Rampe“ und die → „Neue Rampe“.
von BirkenauBirkenau
Seit Oktober 1941 wurde das von der SS als „Kriegsgefangenenlager“ bezeichnete Lager Birkenau erbaut, das bis in das Jahr 1944 kontinuierlich erweitert wurde. Im Lager Birkenau wurden auch seit Mitte 1942 vier Krematorien mit Gaskammern errichtet, die die Orte der Menschenvernichtung waren.
wieder begegnen sollte. Nach dem Wiener Schiedsspruch 1940 fiel Siebenbürgen an Ungarn und der rumänische Staatsbürger Capesius ging nach Bukarest und leistete im rumänischen Heer seine Militärzeit ab. Im Rang eines Hauptmanns tat er im rumänischen Heer Dienst und führte die Spitalsapotheke eines Armeestandorts. Zwischenzeitlich ging er bis August 1943 auch seiner Tätigkeit als Repräsentant der IG FarbenIG Farben
Das Unternehmen „Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG“ erbaute seit April 1941 östlich der Stadt Auschwitz gelegen ein Werk für die Produktion von Kunstkautschuk (→ Buna) und von synthetischem Treibstoff. Der Konzern und die von ihm beauftragten Firmen beschäftigten Tausende von Zivil- und Ostarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Seit Ende Oktober 1942 gab es unmittelbar neben dem Werksgelände ein firmeneigenes Konzentrationslager, das von der → SS verwaltet wurde. Im Lager Buna/Monowitz waren Ende 1944 über 10.000 Häftlinge untergebracht, die für die IG Farben Zwangsarbeit leisten mussten.
nach.
Im Rahmen eines Abkommens zwischen dem Deutschen Reich und Rumänien wurde der Volksdeutsche Capesius im Spätsommer 1943 in Hitlers Wehrmacht eingezogen und verrichtete in Zentral-Sanitätslagern Dienst in Warschau, Berlin und Dachau. Bereits bei seiner ersten Station, in Warschau, wurde Capesius der Waffen-SS unterstellt und erhielt den sogenannten Angleichungsdienstgrad eines SS-Hauptsturmführers. Als nunmehriges Waffen-SS-Mitglied wurde er von seiner vorgesetzten Behörde, dem SS-Wirtschafts-VerwaltungshauptamtSS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt
Das 1942 aus mehreren Verwaltungseinrichtungen der SS gebildete Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) war unter anderem für die Konzentrationslager zuständig.
nach Oranienburg befohlen und Anfang 1944 nach Auschwitz geschickt. Capesius sollte den erkrankten Leiter der SS-ApothekeSS-Apotheke
In der Abteilung, die für die medizinische Versorgung des SS-Personals und der Lagerhäftlinge zuständig war, in der Abteilung V: SS-Standortarzt, gab es eine Apotheke, in der Medikamente und medizinisches Gerät verwaltet wurden. Die SS-Apotheke in Auschwitz hatte die Besonderheit, dass dort auch die Mittel lagerten, mit denen Menschen ermordet wurden. Es handelte sich um → Phenol und um → Zyklon B. Der Leiter der SS-Apotheke im Sommer 1944, der Angeklagte Dr. Victor Capesius, hat nach einer Dienstbesprechung, die der Vorgesetzte des medizinischen SS-Personals, SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths im Mai 1944 durchgeführt hat, auch „Dienst“ auf der Rampe verrichtet. „Rampendienst“ hieß: Durchführung der → Selektionen.
von Auschwitz vertreten. Der Tod des Chefapothekers im Februar 1944 brachte Capesius unverhofft die Leitungsstelle ein. Bis zur Lagerauflösung im Januar 1945 verblieb Capesius in dieser Funktion. Die Flucht vor der Roten Armee endete für ihn in der Reichshauptstadt Berlin, das Kriegsende erlebte er in Schleswig-Holstein, wo er in britische Kriegsgefangenschaft geriet. Nach einem Jahr entlassen ging Capesius nach Stuttgart und begann an der Technischen Hochschule Elektrotechnik zu studieren. In München zu Besuch erkannte ihn ein Auschwitz-Überlebender, der spätere Prozess-Zeuge Leon Czekalski auf der Straße wieder und zeigte den vormaligen SS-Sturmbannführer von Auschwitz an. Die amerikanische Militärpolizei griff zu und Capesius wurde in Internierungslagern in Dachau und Ludwigsburg festgehalten. Da ihm nach Auffassung der amerikanischen Stelle keine Verbrechen nachzuweisen waren, entließen ihn die Amerikaner im August 1947. Capesius fand Beschäftigung in seinem Beruf bei einer Stuttgarter Apotheke, machte sich im Oktober 1950 selbstständig und erwarb die Markt-Apotheke in Göppingen. Im schwäbischen Reutlingen betrieb er später auch einen Kosmetiksalon. Zuletzt hatte der erfolgreiche Geschäftsmann 12 Angestellte und im Jahr 1958 einen Umsatz in Höhe von DM 400.000.
Anfang Dezember 1959 wurde Capesius in Göppingen verhaftet. Seine Untersuchungshaft dauerte acht Jahre. Noch bevor das Schwurgerichtsurteils vom August 1965 im Februar 1969 rechtskräftig wurde, kam der zu neun Jahren Zuchthaus verurteilte Capesius im Januar 1968 aus der Untersuchungshaft frei. Bürger Göppingens wissen zu berichten, der wegen Mordbeihilfe in vier Fällen an jeweils mindestens 2000 Menschen Abgeurteilte – wie es im Urteilstenor heißt – sei noch am Tag seiner Haftentlassung beim Besuch eines Stadtkonzerts mit Beifall begrüßt worden. Sein Geschäft hatte Capesius seiner Ehefrau, selbst Apothekerin, überschrieben lassen. Der mittellose Gatte wurde zum Angestellter seiner Gattin.