Wilhelm Boger

(19. Dezember 1906, Stuttgart – 3. April 1977, Bietigheim)
Boger, Sohn eines Stuttgarter Kaufmanns, machte 1922 die mittlere Reife, durchlief eine kaufmännische Lehre und nahm 1925 seine berufliche Arbeit in seiner schwäbischen Heimatstadt auf. Noch als Schüler trat er der NS-Jugend (spätere Hitler-Jugend) bei, war bis Ende 1928 im Artamanen-Bund tätig und wurde 1929 NSDAP- und SA- sowie 1930 SS-Mitglied. Der kaufmännische Angestellte Boger verlor im Frühjahr 1932, gerade jung verheiratet, seine Anstellung und konnte im März 1933 dank seiner SS-Angehörigkeit die drückende Arbeitslosigkeit durch Einberufung in die Hilfspolizei – vom NS-Regime zur Herrschaftssicherung aufgestellt – beenden. Bei der württembergischen politischen Polizei machte Boger sodann Karriere und brachte es bis zum Kriminalkommissar. Seit Anfang des Zweiten Weltkriegs war er im besetzten Polen bei verschiedenen Staatspolizeistellen in leitender Funktion tätig. Ein Verfahren wegen Beihilfe zur Abtreibung beendete Bogers erfolgreiche Laufbahn bei der GestapoGestapo
→ <Geheime Staatspolizei>
. Nach kurzer Haft, Degradierung (letzter Dienstgrad: SS-Hauptsturmführer) und Suspendierung vom Polizeidienst zur Bewährung kämpfenden SS-Einheiten zugeteilt, wurde Boger – inzwischen „aus alleinigem Verschulden“ geschieden und umgehend neuvermählt – im März 1942 an der Ostfront verwundet und nach seiner Genesung Ende 1942 im niedrigen Rang eines SS-Oberscharführers nach Auschwitz beordert. Der erfahrene Kriminalist fand Anstellung bei der Politischen Abteilung, der LagergestapoLagergestapo
Die Organisationsstruktur der → Konzentrationslager war einheitlich. Die Verwaltung eines Konzentrationslagers war meist nach sechs Abteilungen gegliedert: Abteilung I: Kommandantur, Abteilung II. Politische Abteilung (Lagergestapo), Abteilung III: Schutzhaftlagerführung, Abteilung IV: Verwaltung, Abteilung V: Standortarzt, Abteilung VI: Fürsorge, Schulung, Truppenbetreuung.
Die Abt. II (Politische Abteilung) wurde auch „Lagergestapo“ genannt. Die Politische Abteilung verwaltete u.a. die Häftlingskarteien und die Personalunterlagen der Lagerinsassen, war für die Überwachung und somit für die „Sicherheit“ im Lager zuständig. Die Angehörigen der Politischen Abteilung bespitzelten die Häftlinge und versuchten, durch Terror (Erschießungen) jede Widerstandshandlung der Häftlinge zu unterbinden.

, und war alsbald im Range eines SS-Unterführers Referent für Fluchtsachen und Nachrichtendienst. Nach der Räumung des Lagers Auschwitz gelangte Boger ins KZKZ
→ Konzentrationslager
Mittelbau-Dora und ging auch dort seinem Dienst in der Politischen Abteilung bis zur Auflösung des Lagers nach, bewachte im April 1945 Todesmärsche von KZ-HäftlingenKZ-Häftlingen
→ Konzentrationslager
und setzte sich nach der Kapitulation des Deutschen Reiches ins elterliche Ludwigsburg ab.
Boger stand auf Fahndungslisten der Alliierten und wurde Mitte 1945 von der amerikanischen Militärpolizei arretiert. In der Haft gab er bereitwillig Auskunft über seinen Werdegang, machte Angaben über die Tätigkeit der Politischen Abteilung in Auschwitz, nannte Namen von SS-Personal und schilderte seinen KZ-DienstKZ-Dienst
→ Konzentrationslager
als normale polizeiliche Arbeit. Boger meinte gar ganz unschuldig und mit scheinbar gutem Gewissen, Auschwitz-Häftlinge als Referenzen nennen zu können. Nach der Vereinbarung der Alliierten (Moskauer Deklaration vom 30.10.1943), NS-Täter an die Staaten auszuliefern, in denen sie Verbrechen begangen hatten, wurde Boger im November 1946 auf Transport nach Polen geschickt. Ihm gelang jedoch die Flucht, er schlug sich in seine Heimatregion durch und verdingte sich bei Bauern. Ohne polizeiliche Anmeldung und unerkannt lebte er bis zu seiner Verhaftung Mitte 1949 unbehelligt. Wegen einer im Jahr 1936 begangenen Straftat wurde Boger kurzzeitig in Haft genommen, das angestrengte Verfahren stellte die Anklagebehörde jedoch alsbald ein. Seit Herbst 1950 arbeitete er bis zu seiner Verhaftung im Oktober 1958 in Zuffenhausen bei Stuttgart. In Freiheit gelangte der berüchtigte Folterer von Auschwitz nicht mehr. Zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, verstarb er 1977 in Strafhaft.