Besichtigung des Tatorts

Nicht nur Zeugen wurden gehört und Urkunden verlesen, das Gericht reiste auch im Dezember 1964 nach Auschwitz, um den Tatort in „Augenschein“ zu nehmen. Die Reise hinter den Eisernen Vorhang war ein außergewöhnlicher Vorgang. Die Bundesrepublik Deutschland hatte mit der Volksrepublik Polen keine diplomatischen Beziehungen. Eine Amtshandlung eines deutschen Gerichts im Ausland war nur möglich, wenn das Gastland dem Gericht Souveränitätsrechte vorübergehend übertrug. Polen war dazu bereit und ermöglichte, dass ein beauftragter Richter zusammen mit vielen Prozessbeteiligten an zwei Tagen eine Ortsbesichtigung im StammlagerStammlager
→ Auschwitz I
und in BirkenauBirkenau
Seit Oktober 1941 wurde das von der SS als „Kriegsgefangenenlager“ bezeichnete Lager Birkenau erbaut, das bis in das Jahr 1944 kontinuierlich erweitert wurde. Im Lager Birkenau wurden auch seit Mitte 1942 vier Krematorien mit Gaskammern errichtet, die die Orte der Menschenvernichtung waren.
durchführte. Die Eindrücke, die insbesondere die mitgereisten Verteidiger gewannen, veränderten ab Januar 1965 die Atmosphäre im Frankfurter Gerichtssaal.

Bei der Augenscheinnahme des Tatorts. Im Hintergrund die Neue RampeNeue Rampe
1944 baute die → SS mitten in das Vernichtungslager einen dreiteiligen Gleisanschluss. Zwischen zwei Gleisen befand sich ein Bahnsteig, eine Plattform, von rund 10 Meter Breite. Der Gleisanschluss zusammen mit der Plattform wurde „Neue Rampe“ genannt. Auf dem Bahnsteig wurden die mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz verschleppten Juden meist von →SS-Ärzten selektiert.
und das Lagertor von Auschwitz-BirkenauAuschwitz-Birkenau
Seit Oktober 1941 wurde das von der SS als „Kriegsgefangenenlager“ bezeichnete Lager Birkenau erbaut, das bis in das Jahr 1944 kontinuierlich erweitert wurde. Im Lager Birkenau wurden auch seit Mitte 1942 vier Krematorien mit Gaskammern errichtet, die die Orte der Menschenvernichtung waren.
. In der Bildmitte Dr. Franz Lucas, der als einziger Angeklagter mitgereist war.
Prozessbeteiligte auf dem Dach des Alten Krematoriums bei den Einwurfluken. Das Gericht versuchte festzustellen, ob vom gegenüberliegenden SS-RevierSS-Revier
Das Krankenhaus, in dem SS-Personal medizinisch behandelt wurde, hieß SS-Revier. Es war unmittelbar neben der Umzäunung des Stammlagers (Auschwitz I) in einem großen Steingebäude untergebracht. 1944 erbaute die Lageradministration unweit des Vernichtungslagers Birkenau ein SS-Lazarett. Ende Dezember 1944 wurde das Lazarett bei einem alliierten Luftangriff auf der Werke der → IG Farbenindustrie AG beschädigt.
aus die Personen identifiziert werden konnten, die das Zyklon BZyklon B
Das „Zyklon B“ genannte Schädlingsbekämpfungsmittel (Hauptbestandteil: Cyanwasserstoff bzw. Blausäure) wurde Anfang der 1920er Jahre entwickelt und für die Firma Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch, 1919 gegründet) patentiert. Anteilseigner der Degesch waren in den 1940er Jahren folgende Firmen: Degussa, IG Farben und Th. Goldschmidt AG. In den Lagern wurde das Giftgas zur Entwesung von Räumen und zur Desinfektion von Kleidung gebraucht. Im Spätsommer 1941 experimentierte die → SS mit dem Giftgas, sie probierte aus, ob mit dem Gas auch Menschen getötet werden konnten. Die sogenannten Probevergasungen erwiesen sich als erfolgreich. Die SS hatte ein Mittel gefunden, Menschen massenweise in geschlossenen Räumen töten zu können.
in die GaskammerGaskammer
Die Räume, in denen in Auschwitz Menschen mit dem Giftgas → Zyklon B ermordet worden sind, die Gaskammern, wurden von der → SS in den Bauplänen meist „Leichenkeller“ genannt. Gaskammern gab es im Lagerkomplex Auschwitz an insgesamt sieben Stellen: Im → Krematorium I, in den umgebauten Bauernhäusern in Birkenau (→ Bunker Nr. 1 und → Bunker Nr. 2) und in den → Krematorien II bis V. Die Gaskammern hatten gasdichte Türen mit einem Guckloch, Vorrichtungen zum Einschütten von → Zyklon B (Einwurfluken) und teilweise auch Ventilationssysteme, um die Luft absaugen zu können.
schütteten.
Der Oberstaatsanwalt Hanns Grossmann vor dem Tor des ehemaligen StammlagersStammlagers
→ Auschwitz I
Auschwitz IAuschwitz I
Im November 1943 wurde der Lagerkomplex Auschwitz administrativ dreigeteilt: Das → Stammlager, das seit Mai 1940 existierende, erhielt die Bezeichnung Auschwitz I.
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